• Als freier Handwerker in Schweden

    Vor fast 14 Jahren wanderte Stefan Eichner nach Schweden aus. Was er an Land und Leuten schätzt
    und warum es ihn manchmal in seine alte Heimat zurückzieht, darüber sprachen wir im Interview.

    Schwedenforum: Was waren Deine Beweggründe, vor nahezu 14 Jahren nach Schweden auszuwandern?
    Stefan:
    Vor 14 Jahren habe ich als freier Handwerker in Hamburg gearbeitet. Durch die Öffnung der Grenzen innerhalb der EU entstand ein höherer Wettbewerbsdruck und es machte keinen Sinn mehr gegen Konkurrenz aus den östlichen EU-Ländern zu konkurrieren. So startete ich meine erste Internetseite als Handwerker in Schweden ausschließlich für Deutsche die dort Ferienhäuser besitzen. Ich erhielt eine Vielzahl von Zuschriften und erhielt den ersten Auftrag.

    Schwedenforum: Gab es zu Beginn Schwierigkeiten in Schweden sesshaft zu werden?
    Stefan:
    Ja sicherlich, ein Zuckerschlecken war das sicherlich nicht. Meine Firma war nach wie vor in Hamburg und ich erfüllte die Aufträge von Deutschland aus. Das bedeutete zwei bis drei Wochen in Schweden im Stück zu arbeiten um sich dann bis zu einer Woche in Hamburg zu erholen und das über zwei Jahre lang. Dabei habe ich ganz Südschweden bereist und immer in den jeweiligen Häusern die ich renovierte auch gewohnt. Dazu war eine sorgfältige Planung zwingend nötig. Aber ich wollte sicher gehen das ich nicht Schiffbruch erleide. Habe ich nicht und so kaufte ich mir nach zwei Jahren ein wunderschönes Haus allerdings mit viel Renovierungsbedarf, meldete mich in Deutschland ab und in Schweden an. Ich erhielt die begehrte Personnummer und gründete meine Firma in Schweden. Nun hatte ich jedoch eine noch höhere Belastung denn ich renovierte nicht nur Häuser meiner Kunden, deren Anzahl stetig stieg, sondern auch mein eigenes Haus hielt mich jedes Wochenende und auch im Urlaub auf Trapp und das über drei Jahre lang.

    Schwedenforum: Welches Verhältnis hast Du zu den Schweden?
    Stefan:
    Mit fünf Jahren fuhren wir das erste Mal in den Sommerferien nach Schweden und ab da jedes Jahr drei Wochen. Wir wohnten auf einem Bauernhof in Südschweden und haben bis heute eine Freundschaft mit der Familie. Die Sprache lernte ich autodidaktisch und beherrsche sie fließend in Wort und Schrift. In der Grammatik happert es. Als ich mein erstes Haus kaufte stellte ich mich jedem Nachbarn persönlich vor und teilte allen mit das ich permanent dort wohnen werde und als Tischler arbeite. Die Resonanz war sehr verhalten und es hat sich auch den Jahren danach nicht geändert. Ein Plausch am Gartenzaun aber mehr ist daraus nicht erwachsen. Aber mit einem Nachbarsfamilie aus zweiter Reihe verbindet mich bis heute eine enge Freundschaft. Wir feiern alle Feste zusammen und helfen uns in jeder Lebenslage. Es ist für mich nicht einfach mich den Gepflogenheiten einzufügen da ich einen anderen Rhythmus lebe als die Schweden. Aber das störtmich nicht weiter. Mittlerweile habe ich auch schon als Subunternehmer für schwedische Firmen gearbeitet und schätze die Ruhe bei der Arbeit. Alle sind entspannt und es gibt faktisch keine Stressfaktoren selbst unter Zeitdruck. Mobbing und Ellbogen-Mentalität habe ich noch nie erlebt. Gewöhnen musste ich mich allerdings erst mal an die langsame Gangart und die Extrapausen, ”Fika” genannt.

    Schwedenforum: Gibt es dennoch typisch schwedische Eigenschaften, die Dir auffallen und die Du auch schätzt?
    Stefan:
    Oh ja, sicher! Die Hilfsbereitschaft ist unglaublich groß, Schweden werden selten laut in ihrer Tonart, Diskussionen laufen ruhig und mit viel weniger Emotionen, mit mehr Sachlichkeit ab, Ergebnisse werden dabei nicht erzwungen. Ihre Liebe zur Natur, ihr Zusammenhalt und einfach mal Fünfe gerade zu lassen gefällt mir besonders. Das ist so entspannend!

    Schwedenforum: Ist Schweden ein Wohlfahrtsstaat?
    Stefan:
    Ja und nein. Es werden hier so viele Arbeitsplätze angeboten und wenn ich die richtige Ausbildung habe und die schwedische Sprache beherrsche stehen mir die Türen weit offen. Doch nur die wenigsten Beginnen damit die Sprache zu lernen sondern beschäftigen sich zuerst damit wo sie leben wollen und wo sie arbeiten möchten. Deswegen mein dringendster Rat – wer nach Schweden auswandern will sollte zuerst die Sprache professionell erlernen und sich dann mit den Details beschäftigen. Gelingt die Einwanderung empfehle ich ein Jahresgehalt pro Person als Polster. Ist der Arbeitsplatz gesichert wird schnell klar das der Verdienst deutlich höher ist als in Deutschland, wie oben schon angesprochen der Arbeitstag entspannter. Als Unternehmer bin ich automatisch Kranken- und Rentenversichert, ein deutlicher Vorteil gegenüber dem deutschen Modell aus meiner Sicht. Familien mit Kindern genießen nach wie vor große Vorzüge gegenüber
    deutschen Verhältnissen und können sich tatsächlich mehr ihren Kindern widmen. Auch Menschen mit einem Handicap oder auch alten Menschen wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet und schneller Hilfe geboten. Dennoch geht die negative Entwicklung in sozialen Leistungen auch nicht an Schweden vorbei. So sind z.B. Die Zeiten für Hausbesuche bei pflegebedürftigen Menschen ebenfalls reglementiert worden. Als Unternehmer bin ich zufrieden, die Steuererklärung ist wesentlich einfacher und auch Bauanträge dauern nicht so lange wie in Deutschland. Was dabei viele Tore öffnet außer der Sprachkenntnisse ist die oft kritisierte Personennummer und das extrem gut ausgebaute Internet und deren Nutzung.

    Schwedenforum: Für viele Menschen ist Schweden ein Traum-Auswandererziel. Was rätst Du ihnen für einen erfolgreichen Start vor Ort?
    Stefan:
    Meiner Beobachtung nach haben viele Deutsche ein romantisiertes Bild von Schweden, das rote Holzhäuser, Elche und Mittsommer einschließt. Erst neulich habe ich mit einer Behörde meiner alten Heimatstadt telefoniert, um mich über Formalitäten bei einer möglichen Rückkehr zu informieren. Als die Beamtin hörte, dass wir zurzeit in Schweden leben, seufzte sie und sagte „Ach wie schön, Schweden! Bleiben Sie doch bloß da, was wollen Sie denn hier?“ Viele assoziieren mit diesem Land paradiesische Zustände, vergessen aber, dass Urlaub und Alltag sich signifikant voneinander unterscheiden. Auch hier muss man sein alltägliches Leben meistern, die Familie versorgen und im Berufsleben bestehen. Die Probleme, mit denen man konfrontiert wird, sind im Grunde dieselben wie in Deutschland – mit ein paar Ausnahmen vielleicht.
    Ich rate also dazu, sich ein realistisches Bild zu machen und sich nicht zu sehr mit den schönen Stereotypen zu befassen. Ganz wichtig ist es, die Sprache zu beherrschen, sonst hat man kaum eine Chance, Teil der Gesellschaft zu werden. Eine wichtige Voraussetzung ist zudem die Neugier auf Land und Leute und vor allem Offenheit. Insofern ist es auch eine Typfrage, ob jemand für ein Leben in Schweden geschaffen ist oder nicht.

    Schwedenforum: Es gibt doch sicherlich viele Handwerksbetriebe in Schweden. Wie hast Du Deine Nische gefunden?
    Stefan:
    Meine Beobachtungen haben mich dort hingeführt. Meine Kunden sind fast ausschließlich Deutsche die in Schweden ein Ferienhaus besitzen. In der Regel ist es die Sprachbarriere die zu Aufträgen führen. Mangels Sprachkenntnissen ist es nicht möglich ausreichend mit einem schwedischen Handwerker zu kommunizieren. In der Regel erhält man von einem schwedischen Handwerker ein dürftiges Angebot ohne Transparenz und die Termine liegen meist in weiter Ferne. Das halte ich anders. Ein Angebot von mir ist immer umfangreich, transparent mit ausführlichen Details zu den Gewerken, in der Regel zum Festpreis. Ein abgesprochener Termin wird eingehalten und ist zeitnah zu erhalten, jeder Auftrag wird durchgehend abgearbeitet. Alle Arbeiten werden dokumentiert und dem Kunden übergeben ohne Extrakosten. Auf Wunsch begutachte ich
    renovierungsbedürftige Häuser darf jedoch keine Gutachten ausstellen da ich kein zugelassener
    Gutachter bin. Da ich jedoch in den 14 Jahren soviel Erfahrungen mit den alten Häusern in Schweden gesammelt habe hilft es meinen Kunden ungemein. Bei An-und Umbauten übernehme ich gerne auf Wunsch die Einreichung der Bauanträge. In den letzten 14 Jahren habe ich mir durch meine vielen Reisen ein großes Netzwerk an Verbindungen zu Baustoffhändlern, Handwerksbetrieben und Behörden aufgebaut. Ein guter Rat am Rande gehört bei mir zum Service und hat vielen Kunden geholfen bei vielen Dingen rund um ihre Immobilie, sei es Winterfestigkeit ihrer Häuser oder woher erhalte ich Brennholz.

    Mehr über Stefan Eichner und seiner Firma Ekbygg findest Du hier:
    www.ekbygg.jimdo.com

    Wie seine Arbeit aussehen kannst, siehst du hier.

    Vorher





    Während der Arbeiten:




    Und nach Fertigstellung



    Kommentare 2 2 Kommentare zu Als freier Handwerker in Schweden
    1. Olla-Handwerk -
      Hi Stefan.
      Toller Bericht und super Arbeit.

      Ich hatte auch jetzt meinen ersten Kunden in Schweden. Und ich muss sagen: Land und Leute gefallen mir sehr gut. Es wird auf jeden Fall ein Wiedersehen geben. Mein Kunde hats angedeutet.

      Schöne Grüße aus Nähe Hamburg
    1. Ekbygg -
      Hej Olla,

      nach fast zwei Jahren erst Deinen Kommentar gelesen )) Danke für Dein Lob! Ich hoffe es hat für dich geklappt mit der Auswanderung.

      Beste Grüße
      Stefan
      www.ekbygg.com
      www.ydrefoenster.se
      www.sveaconsulting.se